Psychische Erkrankung und Familie - wie als Angehöriger damit umgehen

Angehörige von Betroffenen sind nicht hilflos und können wesentlich zur Genesung beitragen. Es ist dennoch ein langer Weg.

Wie du entspannt mit dem Betroffenen zusammenleben und Auseinandersetzungen vermeiden kannst, auch dazu findest du hier ein paar Tipps.

Regel Nummer 1 ist, dass du verständnisvoll und einfühlsam bist. Es ist wichtig, dass du dem Betroffenen genügend Zeit gibst, damit er dir seine Probleme aus seiner Sicht klar und deutlich erklären kann. Es ist wichtig, dass du Interesse zeigst und dich bemühst, sich in ihn hineinzuversetzen. Unbedingt vermeiden solltest du, dass du ihm Ratschläge gibst, die sich für den Betroffenen wie eine Bevormundung vorkommen.

Fördere auch kleine Schritte Richtung Gesundheit. Unterstütze den Betroffenen zu Vorhaben, die er hat, aber überfordere ihn dabei nicht. Gebe ihm Hoffnung und Zuversicht. Sprich auch mal ein Lob bei Fortschritten aus oder bei einem Versuch, eine Änderung herbeizuführen. Auch wenn die Veränderung vielleicht nicht gleich gelingt. Durch deine Unterstützung signalisiert du Interesse und bestärkst den Betroffenen in seinen Plänen. Vielleicht könnt ihr euch ja dann auch gemeinsam daran erfreuen, wenn etwas gelingt. Bei aller Zuversicht solltest du aber auch den Betroffenen nicht zu sehr verhätscheln. Gebe ihm die nötige Selbstständigkeit, sonst macht er sich zu sehr von dir abhängig. Zeige ihm lieber, dass du immer für ihn da bist, wenn er Unterstützung benötigt.

Es bedarf Zeit

Sei dir im Klaren, dass eine psychische Erkrankung sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, bis sich die Lage stabilisiert hat. Eventuell kann es sogar auch zu Rückschlägen kommen. Übe dich deshalb in Geduld und setze den Betroffenen und auch seine Angehörigen nicht unter Druck. Überlege doch einmal, wie du dem Betroffenen eine Freude bereiten kannst. Vielleicht mit verschiedenen Ausflügen und Freizeitaktivitäten. Erwarte aber hier auch nicht allzu viel. Gerade in einer akuten Phase, kann sich eine Überforderung oder zu starke Stimulierung negativ auf die Krankheit auswirken.

Unterstütze ihn bei der Gestaltung eines regelmäßigen Lebensrhythmus. Er benötigt genügend Schlaf und ausgewogene Ernährung. Psychisch Erkrankte benötigen feste Zeiten für ihren Alltag. Trefft gemeinsame Regeln und Entscheidungen in Bezug auf das Zusammenleben. Besprecht euch, was zu tun ist, wenn die Erkrankung sich wieder verschlechtert.

Es ist schwer für den Betroffenen

Möchtest du ein bestimmtes Verhalten deines betroffenen Familienmitgliedes erreichen, sprich klar und sachlich mit ihm darüber. Behalte einen kühlen Kopf und setze ihn nicht unter Druck. Stelle keine Forderungen, sondern begründe deine Botschaften in einem ruhigen Ton. Du kannst ihm auch ruhig sagen, welches Verhalten von ihm inakzeptabel ist.

Auch ein psychisch Erkrankter hat noch einen Teil Gesundes in sich. Frag ihn doch zum Beispiel einmal, wie der gesunde Teil von ihm in verschiedenen Situationen reagieren würde. Dann hast du auch gleichzeitig einen Ansporn, den gesunden Teil zu fördern. Mache dir und auch dem Betroffenen klar, dass niemand mit dieser Situation allein da stehen muss. Das ist auch gar nicht möglich. Es gibt zahlreiche professionelle Unterstützungsangebote. Hilf ihm, die passende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gut wäre auch, wenn du dich darüber informierst, welche Medikamente der Betroffene einnimmt und welche Wirkung oder Nebenwirkungen sie haben. Überlege dir die Haltung gegenüber Medikamenten gut. In manchen Fällen können sie wirklich helfen und da macht auch eine Einnahme für eine längere Zeit Sinn. Unterstützen kannst du ihn auch bei der Einnahme, indem du ihn daran erinnerst, wann er seine Medikamente nehmen muss.

Wie gehe ich als Angehöriger mit einer Verschlechterung der Erkrankung um?

In manchen Fällen kommt es leider vor, dass sich die Symptome wieder verschlechtern oder es gar zu einem Rückfall kommt. Damit man diesem Szenario so gut wie möglich entgegenwirken kann, empfehle ich dir Folgendes:

  1. Mache dir zusammen mit dem Betroffenen eine Liste mit Frühwarnzeichen, auf die ihr gemeinsam achten könnt. Das garantiert eine frühe Erkennung, sollte sich eine neue Krankheitsphase anbahnen.
  2. Diskutiere mit dem psychisch Erkrankten, welche Konsequenzen aus seinen Krankheitsanzeichen oder Verhaltensweisen entstehen sollen. Wie soll die Familie darauf reagieren?
  3. Unterstütze den Betroffenen bei der Vereinbarung eines Termins bei seinem Psychotherapeuten bzw. behandelnden Arzt. Begleite ihn ggf. auch dorthin.

Was mache ich, wenn der Angehörige meine Einbeziehung nicht wünscht?

Natürlich kann es auch einmal vorkommen, dass der psychisch Erkrankte überhaupt nicht möchte, dass man sich mit einbringt oder gar von der Erkrankung wissen soll. Grundsätzlich besteht bei Betroffenen über 18 Jahren die Schweigepflicht. Das bedeutet, dass der Psychotherapeut auch einem nahestehenden Familienmitglied keine Auskünfte über den Gesundheitszustand des Betroffenen geben darf.

In einigen Fällen kann sogar auch sinnvoll sein, wenn sich der Betroffene erst einmal isoliert und keinen Kontakt zu seinen Angehörigen hat. Bist du ein Angehöriger, kannst du dazu beim Behandlungsteam nachfragen. Die werden dir dann kurz erklären, weshalb er vorübergehend keinen Kontakt möchte.

Wende dich an den Psychiater oder Therapeut, wenn dir etwas unklar ist

Auch wenn Schweigepflicht gilt, hast du als Angehöriger trotzdem die Möglichkeit, den behandelten Psychotherapeuten zu kontaktieren und ihm eventuelle Veränderungen oder Beobachtungen mitteilen. Allgemeine Fragen kannst du natürlich auch stellen. Persönliche Informationen wirst du hier zwar nicht erfahren, jedoch kann dir Näheres zur Erkrankung des Betroffenen erläutert werden. Der Psychotherapeut kann dir auch Tipps im Umgang mit dem Betroffenen geben.

Meistens bist du als Angehöriger oder Partner eines psychisch Erkrankten in hohem Maß mit inbegriffen. Auch dein Leben wird sich verändern, ohne dass du jetzt selbst professionelle Hilfe bräuchtest. Aber auch als enge Vertrauensperson kann es schon einmal vorkommen, dass du selbst plötzlich professionelle Hilfe benötigst. Angehörige sind aber auch gleichzeitig wichtige Gesprächspartner eines Therapeuten. Auch wenn der Betroffenen beispielsweise nach einer stationären Behandlung wieder zurückkehrt, ist deine Unterstützung jetzt sehr gefragt.

Auseinandersetzungen mit einem psychisch Erkrankten können beträchtliche Ängste bei den Angehörigen schüren. Unbedingt vermeiden solltest du Sprüche wie „Das wird schon wieder!“ oder „Ach komm, so schlimm ist es doch nicht!“ Das kann bei den Erkrankten schnell das Gefühl aufkommen lassen, nicht akzeptiert zu werden und fühlt sich wie eine Zurückweisung an. Denn was für dich nicht schlimm erscheint, gleicht dem Betroffenen vielleicht einem Weltuntergang. Als Angehöriger solltest du erst einmal Geduld und Verständnis aufbringen und dem Betroffenen genügend Zeit einräumen, um mit dir über die Probleme zu reden. Mit gut gemeinten Ratschlägen kannst du dem Patienten leider nicht viel helfen. Besser ist es, du formulierst ernst gemeinte Nachfragen und stellst auch einmal deine eigenen Alltagsprobleme zurück.


Wenn du merkst, dass sich der Gesundheitszustand des Betroffenen verschlechtert bzw. nicht bessert, bist du auch in der Verantwortung, professionelle Hilfe zurate zu ziehen. Das heißt, du solltest den Betroffenen ermutigen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gegebenenfalls gehst du auch zuerst mit ihm zu einer Beratungsstelle. Hast du Sorge, dass sich der Zustand so sehr verschlechtert, dass du Angst hast, dass der Betroffene sich etwas antut, wende dich umgehend an:

  • Den behandelnden Arzt
  • eine Beratungsstelle, die darauf spezialisiert ist: Du kannst auch als Angehöriger das Seelenfon oder die Telefonseelsorge in Anspruch nehmen. Für Eltern ist besonders das Elternfon der NummergegenKummer ratsam, wenn es sich um einen Minderjährigen handelt.

Es ist hart, aber nimm solche Anzeichen ernst. Der so viel zitierte Spruch: "Wer über Selbstmord redet, macht es nicht und will nur Aufmerksamkeit." stimmt nicht.


Hilfreich kann vielleicht auch schon ein erster Blick in ein psychisches und psychosomatisches Forum sein, wie Blazingtalk es ist. Bei uns stehst du mit deinen Fragen nicht allein da. Viele befinden sich in der gleichen Situation wie du. Wir möchten dir als Community hilfreiche Tipps an Herz legen. Also, schreibe uns einfach an!

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