Täglich grüßt der innere Schweinehund

Heute gehe ich spazieren.

Ich denke mir: "Heute gehe ich eine Runde Spazieren, das ist gut gegen meine Depression und mache ich das im Wald, fördern 40 Minuten auch mein Immunsystem."

Am Ende des Tages, habe ich dann alles, was wichtig ist gemacht und noch viele andere dinge, die nicht so wichtig gewesen sind. Aber Moment. Ich war doch nicht draußen.

Nicht, weil ich nicht verstanden hätte, wie gut und wichtig herauszugehen für mich ist. Nein, meine Krankheit hat mich an dieser Stelle wieder im Griff gehabt. Vermeintlich wichtigere Dinge vorgeschoben und eigentlich ist es doch mehr oder weniger kalt und nass draußen. Hast du dies schon einmal dich oder deinen Profi gefragt, warum das so ist?

Ich hoffe, du lässt dir von deiner Krankheit nicht einreden, dass du faul bist, denn da lügt die Krankheit dich doch glatt an. Nein, so einfach und abwertend ist das Ganze nämlich nicht.

Was in deinem Kopf vor sich geht

Gerade die Depression, mit all ihren Facetten ist eine psychische Krankheit, die sich sehr stark auf deinen Antrieb auswirkt. Das, was für einen nicht Erkrankten keine Anstrengung darstellt und schon vor dem eigentlichen Aufnehmen der Tätigkeit einen positiven Effekt auf die Affektivität hat, ist für uns Betroffene eine Anstrengung. Erst während des Spazierganges verändert sich unsere Affektivität und ermöglicht uns dies positiv wahrzunehmen, manchmal auch erst nach dem Spaziergang. Es ist auch nicht unüblich, dass man in starken Episoden der Depression nichts Positives merkt, obwohl es hilft. Der letzte Teil des vorigen Satzes ist besonders wichtig: Obwohl es hilft.

Nicht immer hilft es sofort, aber es hilft. Ich habe bisher nichts gefunden, was dagegen spricht. Gut, als Agoraphobie-Patient, hast du mit noch ein wenig mehr Widerstand in deinem Kopf zu kämpfen, aber das Spazierengehen hilft auch in diesem Fall.

Unser Gehirn ist faul - jedes. Es spielt dabei keine Rolle, ob ich gesund bin oder nicht. Es versucht immer möglichst einfach etwas zu erreichen. Genauer gesagt, versucht unser Gehirn immer möglichst kurzfristig einen für uns angenehmen Zustand zu erreichen. Dabei lässt das Gehirn aber völlig außer acht, dass manche Ziele, die kurzfristig negativ sind, langfristig positiv sein können. Natürlich wissen wir, dass für manche Ziele es nötig ist, Entbehrungen oder Anstrengungen aufzubringen. Ich rede nicht von dem bewussten Teil in unserem Neokortex, sondern von dem alten Gehirn, das diesen umgibt. Sollte ein Neurologe dies lesen, entschuldige ich mich für meine vereinfachte Darstellung. Es ist der alte Teil, gegen den wir Betroffenen ankämpfen sollten. Dieser Teil ist es, der gerade bei Depression mir einreden möchte, dass es doch egal ist aufzustehen, weil .....

Der schwierige Teil

Gut, sogar hervorragend. Wir sind also nicht faul. Jetzt kommt der Teil, den du bestimmt schon erahnen kannst. Wie überwinde ich meinen sprichwörtlichen Schweinehund?

Leider gibt es dafür nur eine Antwort. Du machst es. Du stehst auf, ziehst dich an und gehst raus. Oh, glaube mir, ich wünschte, ich könnte dir einen Trick verraten. Aber du hast die Kraft schon in dir den Schweinehund zu überwinden. Alles, was du jetzt noch machen kannst, ist dir im Klaren zu sein, dass du es einfach machen musst willst. Das lässt sich übrigens vom Spazieren gehen auch auf andere Bereiche des täglichen Lebens übertragen.

Bitte beachte dazu aber auch, dass es Depressionen sehr verschiedenen Stufen und Formen gibt. Auch ist nicht jeder Tag gleich. Die Kunst von uns Betroffenen ist es, ein so guter Experte für uns zu werden, dass wir wichtige Anzeichen rechtzeitig erkennen und uns nicht überfordern, bitte aber auch nicht unterfordern. Beides schadet uns kurzfristig. Mein Tipp wäre es, langsam anzufangen und es allmählich in deinen Tagesablauf zu intrigieren.

Solltest du in Behandlung sein, ist es immer ratsam, dass du vor größeren Änderungen dich im Vorfeld mit deinem Profi abstimmst.

Zwei Tage von einem Monat

Was möchte ich dir damit sagen? Sei gut zu dir! Auch wenn du meinst, dass "nur" zwei Tage in einem Monat viel zu wenig sind, wo du spazieren gegangen bist. Es sind zwei Tage, in denen du einen Kampf gewonnen hast. Du warst zwei Tage spazieren. Jeder, der dir erzählen möchte, dass das keine Leistung ist, der weiß nicht genug von psychischen Krankheiten. Oder versucht dich auf eine Art und Weise anzuspornen, die für uns Betroffene rasant mal in die Hose gehen kann. Den seien wir mal ehrlich, das was du und ich leisten, davon hat der überwiegende Teil der Bevölkerung keine Ahnung.

Über den Autor

Ich bin seit nun mehr 17 Jahren begeistert von Serversysteme, Design und schon mein ganzes Leben von Technik. Bei Technik ist nicht nur die digitale Variante gemeint, sondern auch die analoge. An Webseiten bastel ich seit ich 14 bin. Neben der ganzen Technik genieße ich aber auch etwas sehr Analoges: mein Akkordeon und Aquarell. Natürlich begeistert mich die Technik dahinter auch, aber es steht das Genießen im Vordergrund.


Ich leide unter einer rezidivierenden depressiven Störung und Dysthymia. Das habe ich erfahren, nachdem ich darunter 20 Jahre gelitten habe, ohne es zu merken. Na ja, als Betroffener verstehst du bestimmt wie ich das meine, denn etwas Unbekanntes war da. Es war immer etwas da, etwas, was mich nicht schlafen ließ, mich unruhig machte. Es badete mich abwechselnd in Wut, Angst und Verzweiflung. Bis zu meinem Zusammenbruch. Es öffnete sich für mich die Tür der Therapie. Ich habe viel über mich gelernt. Daraus und den tollen Erfahrungen in der Therapie, Tagesklinik und Reha, habe ich den Wunsch entwickelt zu helfen.


Ich bin kein Therapeut, also wie kann ich helfen? Ich möchte Betroffene verbinden, denn in vielen Gesprächen habe ich erfahren, dass es an vielen Stellen Ähnlichkeiten gibt. "Das wird schon wieder" "Ist nur eine Phase" "Es liegt am Stress" "Ich bin allein" "Wer hilft mir, wenn ich aus der Reha/Tagesklinik bin?"

Mir ist es ein persönliches Anliegen uns Betroffene, Angehörige von Betroffenen, Experten zu vernetzen. Sicher und so offen oder anonym wie es jeder für sich entscheidet. Fern ab von den Datenkraken und der Wirtschaft.

Jonathan Administrator